[Dichtung] Heinrichs von Mügeln Von den freien Künsten

      [Dichtung] Heinrichs von Mügeln Von den freien Künsten

      Habe da mal ein Gedicht aus einer einige Jahre alten Handschrift abgeschrieben (fast 200 Verse).
      Da ich hier nicht mehr so viel schreibe, dachte ich mir, ich kann's mal posten.
      Auch wenn ich nicht alles verstand, fand ich Rechtschreibung und Inhalt recht interessant.
      Eine Grammatik aus der Zeit kenne ich nicht, doch immerhin einige Begriffe lehrt dieses Gedicht (z.B. nam = lat. nomen, nhd. Nennwort).


      Nu volgent hie die ſyben kunst in dyſem tone mit andern vrÿ künſten uſz in gezogen ſint yn lied
      1. Gramatica [= lat. grammatica (γραμματική (ἡ)), nhd. Grammatik]
      GRramatica die lert
      buchstaben ſilben unde wert
      daz icht daz latin ſte versert
      von ſpruchen die nit regeln hant
      Nam vornam wort darnach
      Zuwort teilfang zufug ich ſach
      vorſacz ynworff under irem dach [in der Handschrift „undrierem tach“ statt under irem dach]
      gemunzet und geformet ſtan
      Sie gibet aller red ein ware bilde
      der ir nit kan dem ſin die kunſte wilde
      ich mēȳ [A1] nit ẏrem ſchilde
      der beſte priſcian wars
      2. Loyca [= lat. logica (λογική (ἡ, sc. τέχνη), nhd. Logik]
      Uns ſagen mēīſter [A1] gra,
      ob war ob valſch die rede ſta
      daz lert herkennen [erkennen] loyca
      und wie uſſrede rede gat
      Wie nach dem willen din
      nam unde wort betutet ſin
      recht alz der reyff betutet win
      ſuſſ man die ding gezeichent hat
      Her ariſtotileß vor wewe ſage
      der beſte waß wer nach dem mēȳſter [A1] frage
      ſinß wyſen herczen lage
      der kunſte tempel und ein faſz
      3. Rethorica [= lat. rhētorica (ῥητορική (ἡ, sc. τέχνη)), nhd. Rhetorik]
      REtorica die ferbt
      der ſpruche blumen unde gerbt
      daz marg ſie uſz der rede kerbt
      und ſtrichet gar daz grobe dan
      OAuch leret ſie die kint
      Wie daz der farwen ſehczig ſint
      vor an ſehß und dryſſig uff bint
      die ſinnen vier und .xx. han
      mit den einß waren mēīsterß [A1] ticht ſich bluͦmet
      dez töneß kurcz sie leſſet ungenuͦmet
      Her tuliuß ſich ruͦmet
      er ſy der kunſte winckelmaz
      4. Ariſmetrica [= lat. arithmētica (ἀριθμητική, sc. τέχνη), nhd. Arithmetik]
      Wie ſich die zal gebirt
      wer an der lere ſich verirt
      von ariſmetrica er wirt
      Beſcheyden gancz der mēīsterschafft [A1]
      Wie zwey uſz eẏnem gan
      Und wie zu teil ſich wyderlan
      Wie vier uſſ zweyn mögen beſtan
      die zal muſz uff den erſten haft
      Wie man mit zehen zwenzighundert meret
      Vil hoher kunst hat ſich uſſ zal gereret
      Pitagoraß der leret
      In dẏſer kunſte wẏſen rat
      5. Geomatria [Geometria = lat. geōmetria (γεωμετρία (-ας, ἡ)), nhd. Geometrie]
      GEomatria [GEometria] myſzt
      ſonn unde man mit hohem liſt
      und alleß daz da meſzlich iſt
      daz hat beſweiffet gar ir ſchnür
      Wie uſz dem centrum gan
      die lynien zudem ſweffe dan
      die alle gliche lenge han
      dz [daz] oauch ir zirckel umbefür
      Tieff unde höh des hymmelſz und ſin breyte
      gemeſſen hat in rechter ſaſz ir ſeyte
      Euclideß aller reẏte
      der kunſt gefilde hat beſat
      6. Muſica [= lat. mūsica (μουσική (ἡ, sc. τέχνη)), nhd. Musik]
      GEſang und ſeẏten ſpiel
      hat er uſz muſica ir ziel
      Wẏ uſz der quart ſich laſſen wil
      die wyſe dyateſſeron
      Wie dyapente ſal
      han uſz der quinten ÿren val
      uſſ der octaf wyder zutal
      die wyſe laufft dyapaſon
      Daz leret gar unß muſica die frye
      Wie in der hant man vint geſenge drẏe
      Boeciuß ſin krye
      der kunſt hie uff[‿]gebunden hat
      7. Aſtronomya [= lat. astronomia (ἀστρονομία (ἡ)), nhd. Astronomie]
      Wie die planeten gan
      Und wie daz ſie ir hüſlin han
      Und waß ir hoheß würcken kan
      daz lert aſtronomyen wahß
      Und wie antarcticuß [„ant [Zeilenumbruch] tarticuß“]
      Gein ſuden ſtat nach gottz Fluſz
      gein nor dan poluß articuß
      gefeſtet in deß hymmelß ahß
      Und wie die zirckel haben ir geſchrencke
      Wie ſo dayruß ſich in Zwolffe lencke
      Zeichen der kunſte ſchencke
      Her polomeuß iſt genant
      8. Alchimya [= nhd. Alchemie]
      Wie sich laſur gebirt
      uſſ ſwebel und queckſilber wirt
      Zynober dar an nieman irt
      Wie goldez farb daz kupfer nymmpt
      Nach dyſer regel ſumm
      alum ſalnitri menium
      ſchuttey ſal armonyacum
      Span grün auch zu der lere zympt
      Die geben kupfer goldeß farwen reẏne
      Und wie daz öl ſich zwingenlat uſz steyne
      Alchimyam ich meẏne
      In der ich a[in oder m?]ce[nn oder mi?]am fant
      9. Phyloſophya [= lat. philosophia (φιλοσοφία (ἡ)), nhd. Philosophie]
      Phyloſophya zwar
      Beſluſzt die egenanten gar
      Uſz ir fluſzt aller kunſte mar
      Die letet wie ain hymmel ſy
      Zwer lichte warm noch kalt
      Von ſytten und der sel gewalt
      Wie alle ding jn zẏt veralt
      Wie got ſy alleß bundes des frẏ
      Wie alle ding ſich ſachen muͦß von ichte
      Wie nicht gewalt gewurcken in[_]ag[_]in nichte
      In dyſer kunſte tichtte
      plato der eltſte iſt bekant
      10. [jerilla?]
      Wie wyſlich ſie gebern
      Sie gleſt in deß geſchtz kern
      Und wie ir ylen zu dem ſtern
      die angen iſt in glicher ſaſſ
      Wie ſie ir ſtreben dan
      Uff aneblick der dinge lan
      darnach der ſpiegel hat ſin ſan
      die lere perſpic[ium od. ivam?] laſſ
      Alacian der beſt iſt ſicher[_]wege
      Behalt ſin ſpruch nach ſmer bucher lege
      nach ſmer kunſte ſtege
      ke man clympt zu hoher kunſte zyl
      11. Theologya [= lat. theologia (θεολογία (ἡ)), nhd. Theologie]
      Wie in der meyde hercz
      ſich flachte ſunder manneß mercz
      ein wort daz aller welte ſmercz
      leſte mit ſmeß todeß ſer
      Wie der gelaube ſtat
      den juden heyden criſten hat
      Waz lonß uſz guten wercken gar
      daz iſt theologyen ler
      Die ler behalt du ſtet in herzen ſcherẏne
      In ẏren ſpruchen volgſam augustinne
      wiltu vermyden pẏne
      mit ir in allen dingen hil
      12. Phyſica [= lat. physica (von φυσικός (-ή, όν)), nhd. Physik]
      We kelte ungehür
      verleſche wil naturen für
      dar ylet phyſica zu ſtür
      dem tier und zundet wyder an
      Wo aber hitze fraſt
      daz tier mit ſuchten hatt begaſt
      dem gibet man mit kelte raſt
      Auch ſie die wunden heilen kan
      daz trucken ſich der fuchte nit entſage
      kalt unde warm ſie helt in glicher wage
      Her Galienuß ſage jn dyſer kunſte heiſſen wil
      13. Nigromancya [= lat. necromantīa oder (in Anlehnung an niger, aber eher m.-lat., *nigromantīa (νεκρομαντεία (ἡ)), nhd. Nekromantie]
      Nygromamcia lert
      Wie fromde forme unverſert
      Der mentſche nymmet unde kert
      Und komet uff den erſten bunt
      Und wie daz ſunder wern
      dem mentſchen werden undertan
      die geiſt und ym zu rede ſtan
      geladen uſz der flammen grunt
      Vacca platoniß leret ſolich ſache
      Herſtu der kunſt deß ſelben buch emmbache
      An dyſer kunſte rache
      nectatnabuß der beſte iſt
      14. Pyromancia [= lat. pyromantīa (πυρομαντεία (ἡ)) - die Weissagung aus dem Feuer]
      Wie man mit hitzen not
      den mentſchen und mit ſchuſſen tot
      und wie man in dem fure lot
      die bilde zu der ſuchte haft
      Wie wyt der mentſchen ſẏ
      In hilffet ſprengel noch die wyh
      In machet gar geſuntheit fry
      pyromancẏen mēȳſterſchaft [A1]
      Hermogineß der beſtehohe mēȳster [A1]
      der beſte war in ſolicher kunſte
      Ich wyſe vorcht in kommerß yſe
      In hitze dort ſin ſele nẏst
      15. Geomancia [= lat. geōmantīa (γεωμαντεία (-ας, ἡ)) - das Wahrsagen aus der Erde]
      DEr ſelig iſt betagt
      dez hercze aller kunſte lagt
      die kunſt geomancya ſagt
      Wie daz man an der erden frẏ
      Und an den wortzen ſehn
      mag waß dem mentſchen ſol geſchehn
      In dyſer kunſte hor ich jehn
      hermeß der beſte mēȳster [A1] ſy
      kunftige tat man ſicht ſi in mangen ſtunden
      an vogel viſch an tieren und an hunden
      ein yglich kunſt iſt funden
      deß mentſchen künne ſte gefriſt

      Aufgelöst wurden: ¯ zur Kennzeichnung Weggelassener n und m; | zur Verstrennung; d' = der, ab' = aber, and'n = andern, hund't = hundert, wyd' = wyder, v'- = ver-, hoh' = hoher, sm'cz = smercz u.ä.
      Es wurden gesetzt: i für punktiertes und punktloses i (i und ı), r für normales und rundes r, z für das der Zahl 3 ähnlichsehende z (ʒ), u für einen Vokal und v für einen Konsonanten.
      Es wurde ergänzt: Nummerierungen der Strophen, Anmerkungen und Korrekturen (siehe die eckigen Klammern []).
      A1: ein Strich ¯ über beide Buchstaben e und i bzw. y
      Ist Altdeutsch, aber das ist etwas ungenau.
      Genauer: Mittelhochdeutsch, 14. Jahrhundert (also ursprünglich, die Handschrift selbst könnte jünger sein).

      Interessiert hat es micht eigentlich nur wegen der ersten Strophe, da sie Grammatikbegriffe enthält.
      Alten Schreibweisen (z.B. cz statt z) interessieren mich zwar auch, aber das habe ich schon anderswo gesehen und dafür reicht mir das ansehen.

      Deitsch sagt mir nichts.
      Nach Aufrufen von WP:
      Pennsylvanisch-Deutsch habe ich mal gesehen, aber mir gefällt's nicht.
      Naja, allgemein gefallen mir hochdeutsche Dialekte oft nicht. Sie wirken oft so heruntergekommen, verfallen, barbarisch. Andererseits könnten sie noch ai und ei unterscheiden, was Grammatiker bis ins 19. Jahrhundert taten. (Einige unterschieden auch äu und eu, aber da weiß ich noch nicht wie und ob das sinnig ist.)
      Niederdeutsche Dialekte haben da den Vorteil, daß sie keine hochdeutschen Dialekte sind und daß die niederdeutsche Sprache in gewisser Weise unterdrückt und verachtet wurde und wird.

      Yiddisch, zumindest richtiges Yiddisch, schreibt man mit diesen Judenbuchstaben, heutzutage auch mit Vokalisierungszeichen
      z.B.
      ארטיקל
      oder mit Vokalisierungszeichen
      אַרטיקל
      - beides bedeutet Artikel.
      Man könnte es zwar umschreiben, aber ich bevorzuge echte Schreibungen, ggf. mit Umschriften zur Hilfe. Aber beim Umschreiben mag ich eigenwillig sein, z.B. würde ich es jiddisch umschreiben und nicht nicht englisch yiddisch oder yiddish. Wenn anderswo j für einen Laut wie in Journalismus verwendet wird, bräuchte man natürlich noch ein anderes Zeichen...

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      Vielleicht nebenbei erwähnt, was ich mir demnächst anschauen wollte:

      * Deklination von Fuß mit dem Plural Füß, also ohne e - falls man da süberhaupt von Fuß mit dem Plural Füße trennen kann.

      * Deklination von Fůß (mit o über u).
      Einfacher geschrieben könnte es etwas wie Fuoß und im Plural Füeß sein. Bei Fůß könnte es Probleme bei der Schreibweise geben, z.B. mit uͤ/ü für üe und ü. Einmal sah ich da jedoch die Unterscheidung von uͤ (Umlaut von ů) und ü (Umlaut von u), wobei a und o - in unpassender Weise - als aͤ und oͤ umgelautet wurden.

      * Die Schreibungen ay und ey.
      Habe dazu bisher zwei Erklärungen gefunden.
      1. Durch historische Schreibungen begründet: Früher gab war i/j nur ein Buchstabe und so schrieb man freyen, damit es freien und nicht frejen ist.
      2. Etymologisch begründet als ey = eij, wobei es auch die Begründungen auf alten oder falschen Etymologieen fußen könnten. In einigen Sprachen taucht tatsächlich ein j auf, z.B. deutsch freien und plattdeutsch (ostfriesisch) frejen. Aber k.A., ob diese Erklärung stimmig ist. Gegenbeispiele gibt es (z.B. Kayser, Käyser, Keyser = Kaiser, selteneres meyn für mein), aber das könnte man noch als Falschschreibungen abtun.